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6. Kapitel: 9 Eskalationsstufen:
Um sich im Konflikt-Geschehen auszukennen, benötigt man eine gewisse Orientierung. Die Eskalationsstufen sind eine gute Orientierungshilfe. Sie sind wie Markierungspunkte, die Entfernungen anzeigen. Die Redewendungen und Verhaltensweisen, die jeweils einer Eskalationsstufe zugeordnet werden können, sind als Wegweiser zu erkennen. Die Stufen beschreiben den Weg in die Gewalt, bis zum totalen Krieg. Die Basis-Mechanismen der Eskalationsdynamik wirken im Streit zwischen Kindern genauso, wie im Familiendrama oder im Mobbing des Berufslebens. Sie wirken im Grenzkonflikt von Nachbarn und im Krieg zwischen Ländern etc.. Sie gelten für alle Konflikte. Die neun Eskalationsstufen gliedern sich in Abschnitte von drei mal drei Stufen. Die ersten drei Stufen betreffen scheinbar gewaltfreie Streitsituationen, wie sie im Privat- und im Berufsleben oft vorkommen. In den ersten drei Stufen wird deutlich, ob die Absicht besteht, die Konfliktenergie bewusst konstruktiv zu transformieren. Deshalb sind diese ersten drei Stufen entscheidend für die Verhinderung oder Eskalation von Gewalt. Stufe 1: Spannung Jeder Konflikt beginnt mit Spannungen. Gelegentliches Aufeinanderprallen von Meinungen gehört aber zur lebendigen Kommunikation und wird deshalb nicht unbedingt als Anfang eines Konflikts wahrgenommen. Wenn doch ein Konflikt entsteht, nehmen die Meinungen starre Formen an. Standpunkte werden voneinander abgegrenzt. Der Verdacht kommt auf, dass es tieferliegende Ursachen für die gegenseitigen Verstimmungen geben könnte. Oder mit Konfliktintelligenz: Die Spannung wird bewusst wahrgenommen und im Sinn von Konfliktkultur aufgegriffen. Stufe 2: Debatte Der Übergang von der 1. zur 2. Stufe zeigt sich daran, dass jetzt Strategien und Konkurrenz die Kommunikation bestimmen. Taktik wird als erlaubtes Mittel eingesetzt. Die Gegensätze treten deutlich hervor. Gespräche münden im Austausch von Behauptungen und Provokationen, um sich gegenseitig unter Druck zu setzen. Die Debatte führt nicht zu gegenseitigem besserem Verstehen. Oder mit Konfliktintelligenz: Jetzt geht es um die konstruktive Kommunikation. Mit positiven Ich-Aussagen und aktivem Zuhören werden die Standpunkte und Interessen gegenseitig vermittelt. Stufe 3: Taten statt Worte Den Parteien geht es jetzt in erster Linie darum, den anderen im Erreichen seiner Ziele zu bremsen und die eigenen Absichten durchzusetzen. Durch den Abbruch von Gesprächen entsteht der Übergang zur 3. Stufe. Nach dem Motto "Reden hilft nicht mehr, jetzt müssen Taten folgen" will sich der aufgestaute Ärger ausleben. Auf dieser Stufe tritt deutlich Beschleunigung auf, weil die Entschlossenheit überwiegt, sich gegen den anderen zu beweisen. Oder mit Konfliktintelligenz: Wenn die Streitkräfte kreativ in Aktion treten, im Sinn von Konfliktkultur, wird die Konsensfindung gelingen. Auf diesen ersten Eskalationsstufen entwickeln die Konfliktpartner Widerstand gegen einander. Sie werden in die Auseinandersetzung hinein gezogen, wenn sie nicht bewusst versuchen konstruktiv zu streiten. Die Debatte wird noch so geführt, dass beide gewinnen könnten. In der Debatte entscheidet sich, ob der Streit konstruktiv transformiert wird. Wenn das nicht gelingt, sind die Taten der dritten Stufe bereits Vorwarnzeichen für heftigere Angriffe mit Gewalt. In dieser beginnenden Eskalation können unbeteiligte Dritte beratend und beruhigend zur Deeskalation beitragen. Wichtig ist: Die Beratung soll weder inhaltlich noch moralisch bewerten oder einseitig Recht geben. Stufe 4: Koalitionen Der Übergang in die 4.Stufe ergibt ein neues Bild: Für die eigene Situation wird konkret Verstärkung gesucht, um die Gegenpartei zu bekämpfen. Koalitionen werden gebildet. Man fühlt sich im Recht und macht die anderen für das eigene Verhalten verantwortlich, weil man selbst ja nur reagiert. Gerüchte und üble Nachrede sollen die Gegenpartei denunzieren und dafür den eigenen Standpunkt idealisieren. Die Arena weitet sich aus. Stufe 5: Gesichtsverlust Die Aktionen werden rabiat. Man will die Gegenseite durch Untergriffe aller Art bloßstellen. Wahnbilder und Wirklichkeitsbilder verschmelzen ineinander. Der grundlegende Vertrauensbruch ist gegenseitig. Die Kommunikation wird im Teufelskreis gegenseitigen Misstrauens vergiftet. Die streitenden Parteien werden zu Gegnern. Stufe 6: Drohungen Die Parteien versuchen jeweils, die Gesamtsituation unter absolute Kontrolle zu bringen. Drohungen sollen die eigene Macht beweisen. Der Handlungsspielraum wird immer enger. Das führt in die Radikalisierung und zu explosivem Wuchern von Gewalt. Zuletzt formulieren die Gegner nur noch Drohungen: "Wenn nicht... ? dann..." Die Konsequenzen sollen der Gegenpartei möglichst keinen Ausweg lassen. Der Konflikt in diesem zweiten Abschnitt der Eskalationsstufen wird zum Streit um Werte. Es kommt zu direkten harten Konfrontationen der unterschiedlichen Wertauffassungen. Jede Seite bindet Koalitionspartner an sich, verpflichtet diese zu Parteilichkeit und zieht sie in den Streit hinein. Es geht nur noch um Gewinnen oder Verlieren: Du oder ich, ihr oder wir. Entschlossenheit wird demonstriert. In diesen Stufen vier bis sechs bedarf es der Vermittlung von außen, um den Konflikt zu deeskalieren. Die hilflosen Versuche der Koalitionspartner, im Streit zu vermitteln, sind zum Scheitern verurteilt. Interventionen von unbeteiligten Dritten werden mit zunehmender Eskalation immer schwieriger. Mögliche Ansätze sind von der Konfliktstruktur abhängig. Stufe 7: Begrenzte Vernichtung Auf dieser Stufe werden Zerstörungsaktionen geplant und durchgeführt. Mit Hilfe bewusster Taktiken der Täuschung und Lüge wollen die Gegner einander empfindlich schaden. Es geht noch nicht um die totale Vernichtung, aber um Ausschaltung. Der Gegenpartei werden menschliche Qualitäten abgesprochen. Die Umkehr der Werte ins Gegenteil bewirkt, dass ein relativ kleiner eigener Schaden jetzt als Gewinn gesehen wird. Stufe 8: Zersplitterung Mit dem Überschreiten der nächsten Schwelle werden Vernichtungsaktionen durchgeführt, um die Gegenpartei in ihren Wurzeln zu treffen. Das feindliche System soll gelähmt und zerstört werden. Stufe 9: Gemeinsam in den Abgrund Kein Weg mehr zurück! Die totale Konfrontation führt in die Vernichtung, auch zum Preis der Selbstvernichtung, bis zur Lust am gemeinsamen Untergang. Diese letzten drei Eskalationsstufen führen in offene Angriffe und in den Krieg mit Vernichtungsabsicht. Die anfänglich ?nur? verbale Gewalt entwickelt sich zur hemmungslosen Bereitschaft, mittels zerstörerischer Gewalt den ?Feind? zu besiegen. In dieser Entwicklung der Eskalation gibt es keine Gewinner. Alle Beteiligten verlieren. Wer die Dynamik der einzelnen Stufen und Wendepunkte kennt, durchschaut die zerstörerische Wirkung der Eskalation bereits in ihren Anfängen. Dadurch können rechtzeitig Gegenmaßnahmen entwickelt werden, um die Konflikt- Eskalation nicht außer Kontrolle geraten zu lassen. Die Parteien könnten sonst von den Mechanismen, die stärker als jede Vernunft sind, mitgerissen werden. (Eskalationsstufen-Theorie nach Friedrich Glasl: Konfliktmanagement, Stuttgart, 4. Aufl. 1994)
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